Schlusswort von Jegor Schukow: »Je schlimmer meine Zukunft, desto breiter mein Lächeln«

Von Jegor Schukow

Zusammenfassung
Einleitung der Russland-Analysen
Das Schlusswort von Jegor Schukow erschien ursprünglich am 4. Dezember 2019 auf Meduza und wurde von dekoder übersetzt und veröffentlicht.

Einleitung von dekoder
»Je schlimmer meine Zukunft, desto breiter mein Lächeln«, so hat der 21-jährige Jegor Shukow am 4. Dezember 2019 sein Schlusswort vor Gericht in Moskau beendet. Am 6. Dezember wurde sein Urteil gefällt: Schuldig, drei Jahre Haft auf Bewährung. Er kommt aus dem Hausarrest, seinen Youtube-Kanal Blog Shukowa darf er allerdings nicht mehr betreiben, die Administratoren-Rechte wurden ihm entzogen. Außerdem darf er zwei Jahre lang kein Internet nutzen.
Das Urteil wird in Sozialen Medien als »Präzedenzfall« bewertet: »Das freie intellektuelle Beurteilen von Politik in Russland ist wieder strafbar«, kommentiert etwa Gleb Morew, Literatur-Chef beim unabhängigen Kulturportal Colta.
Shukow ist einer von zehn Demonstranten, die nach den Protesten vor der Wahl der Moskauer Stadtduma im Sommer nun in dem sogenannten Moskowskoje Delo verurteilt wurden, gegen 13 weitere Protestteilnehmer laufen Ermittlungen oder Strafverfahren (Stand Redaktionsschluss, 6. Dezember 2019, 10 Uhr).
Shukow wurde wegen »Aufruf zum Extremismus« verurteilt. Als Beweis diente dabei unter anderem ein Video des Bloggers auf Youtube – sein Kanal hatte damals rund 10.000 Abonnenten –, in dem er zu Protest aufgerufen habe mit dem Satz »tut nushno chwatatsja sa ljubyje formy protesta« (dt. »Es ist nötig, zu allen möglichen Protestformen zu greifen«). Damit habe er, so die Anklage, »politischen Hass und Feindseligkeit gegenüber der bestehenden Verfassungsordnung in der Russischen Föderation« gezeigt, sein Ziel sei, »die sozialpolitische Situation im Land zu destabilisieren«.
Mit dem Studenten der renommierten Higher School of Economics hatten sich zahlreiche Menschen in Einzelpikets solidarisch gezeigt, die Vizerektorin seiner Hochschule hatte angeboten, für ihn zu bürgen, was jedoch abgelehnt wurde.
Vor Gericht hielt der Angeklagte Shukow am 4. Dezember 2019 nun sein Schlusswort. Solche Schlussworte richten sich in Russland meist nicht unbedingt an die Richter – das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit ist sehr gering –, sondern an eine breite Öffentlichkeit und ähneln manchmal auch kleinen Manifesten. So wurde etwa auch das Schlusswort von Maria Aljochina von Pussy Riot 2013 weit verbreitet. Das Schlusswort Shukows wurde mehrfach abgedruckt, auch von Meduza, und in den Sozialen Medien tausendfach geteilt.

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