Zentralasien mit den Augen Chinas. Wissensproduktion, akademische Wahrnehmung und Folgen für die Politik

Von Assel Bitabarova (Sapporo)

Zusammenfassung
Die Unabhängigkeit der fünf zentralasiatischen Staaten infolge des plötzlichen Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahr 1991 hat man in China genauso wenig vorhergesehen wie in der übrigen Welt. Zu jener Zeit hatten die politischen Verantwortlichen in Beijing weder eine klare Vorstellung von ihren neuen Nachbarn noch waren sie darauf vorbereitet, in dieser neuen politischen Situation begründete Entscheidungen zu treffen. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist China zu einem der wichtigsten Partner der zentralasiatischen Staaten geworden. Auf der außenpolitischen Agenda Chinas hat die Region an Profil gewonnen. Dies verdeutlicht auch die Tatsache, dass Staats- und Parteichef Xi Jinping im September 2013 Astana als Schauplatz für die Verkündung der Initiative »Silk Road Economic Belt« (Teil der Strategie »One Belt One Road«) gewählt hat, die seither zum Eckpfeiler seiner neuen Außenpolitik geworden ist. Parallel zur wachsenden Aufmerksamkeit, die Politiker in Beijing der Region widmen, haben auch akademische Kreise in China zunehmendes Interesse an Zentralasien gezeigt. Der folgende Beitrag gibt auf der Basis chinesischer Quellen und aktueller Interviews mit chinesischen Forschern einen Überblick über die Entwicklung der Zentralasienforschung in China und ihre Verbindung mit der Politik Beijings.

Beginn der chinesischen Zentralasienforschung

Die Zentralasienforschung in China entstand während der Sowjetzeit innerhalb des größeren Rahmens der Sowjetunion- und Osteuropastudien, die allerdings bis Ende der 1970er Jahre aufgrund der verheerenden Auswirkungen der Kulturrevolution kaum Fortschritte machten. Die Institutionalisierung der chinesischen Zentralasienforschung begann erst mit der Einrichtung von Forschungsabteilungen an der Universität Xin­jiang im Jahre 1979 und an der Akademie für Sozialwissenschaften (XASS) in Xinjiang 1980. Kurz darauf, im Jahr 1991, wurde die Welt Zeuge der Auflösung der Sowjetunion, und die früheren Sowjetrepubliken wurden souveräne Staaten.

In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten hatte die chinesische Führung keine ausgearbeitete Vision oder klare Strategie gegenüber der Region, sondern war lediglich darum bemüht, mögliche negative Auswirkungen des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu verhindern und mit dem Auftauchen der neuen Nachbarn verbundene Unsicherheiten zu minimieren. Die Hauptaufgaben bestanden also darin, Lösungen für zentrale Sicherheitsprobleme zu finden, nämlich: (1) die Sicherheit entlang der über 3.000 km langen chinesisch-zentralasiatischen Grenze durch Entmilitarisierung und die Beilegung von Grenzstreitigkeiten mit Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan aufrecht zu erhalten; (2) die Ausbreitung separatistischer Bestrebungen in der Autonomen Uighurischen Region Xinjiang (XUAR) zu verhindern, denn Funktionäre in Beijing fürchteten, dass ein stärkeres nationales Selbstbewusstsein der zentralasiatischen Nachbarn nach Erlangung ihrer Souveränität auch nationalistische Bestrebungen bei den Uighuren auslösen könnte. Die Bewahrung von Stabilität und innerer Sicherheit in Xinjiang war entsprechend auch Schwerpunkt der chinesischen Zentralasienforschung jener Jahre.

Da der Staat auf Unterstützung von Seiten der Wissenschaft angewiesen war, hatten einige der damaligen Forschungsarbeiten entscheidenden Einfluss auf die Formulierung und Ausgestaltung der Politik Beijings. So konzentrierte sich zum Beispiel Xing Guangcheng, einer der einflussreichsten chinesischen Russland- und Zentralasienexperten, in den 1990er Jahren stark auf politikorientierte Forschung sowie auf geopolitische Analysen und Sicherheitsfragen in Zentralasien. Seine Monographien über Chinas Beziehungen zu den neuen unabhängigen Staaten der Region gehören zu den wenigen wissenschaftlichen Arbeiten über Zentralasien, die in China in jener Periode veröffentlicht wurden. Später, von 2003 bis 2009, fungierte er als Direktor des Instituts für Russland, Osteuropa und Zentralasien an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), die zu den führenden Think Tanks des Landes gehört und eng mit der chinesischen Regierung kooperiert. In diesem Zusammenhang muss man auch die Gründung des Instituts für Zentralasien- und Xinjiangstudien an der Universität Lanzhou erwähnen (später wurde es in Institut für Zentralasienstudien [ICAS] umbenannt), denn es ist inzwischen zu einem zentralen Forschungsstandort für Zentralasien innerhalb des chinesischen Universitätssystems (gaoxiao) geworden. Insgesamt gab es im ersten Jahrzehnt nach der Entstehung der neuen Staaten Zentralasiens aber nur wenig wissenschaftliche Forschung über diese Region und ihr Niveau war nicht hoch.

Aufbruch ins neue Jahrtausend

Seit Beginn des neuen Jahrtausends, als Chinas Aufstieg immer sichtbarer wurde, begann die Führung in Beijing, den Forschungsinstituten sehr viel mehr Beachtung zu schenken. Sie bildete innerhalb des Universitätssystems neue Forschungsschwerpunkte in den Geistes- und Sozialwissenschaften und stellte auf dem Weg über die Nationale Sozialwissenschaftliche Stiftung mehr Mittel für Forschung zur Verfügung. Die Gründung neuer Forschungseinrichtungen mit Schwerpunkt Zentralasien erfolgte sowohl innerhalb regierungsnaher Think Tanks als auch an mehreren Universitäten. Beispielsweise wurde 2004 an der Shaanxi Normal University in Xi’an das Institut für Zentralasienstudien gegründet; 2005 das Zentrum für Russland- und Zentralasienforschung an der Fudan-Universität in Shanghai. Die Forschungsgruppe für Eurasienstudien am Chinesischen Institut für Internationale Studien (CIIS) in Beijing wurde zur Abteilung für Europa- und Zentralasienforschung aufgewertet und vergrößert.

Wie sind diese Institutionen nun charakterisiert? Zum einen ist die Mehrzahl innerhalb breiterer, traditionell auf den früheren sowjetischen Raum konzentrierter Forschungsstrukturen angesiedelt, auch wenn es einige relativ gut etablierte, gesonderte Forschungsinstitutionen gibt, deren Fokus in erster Linie auf Zentralasien liegt – wie z. B. das ICAS an der Universität Lanzhou oder die Abteilung für Zentralasienstudien an der XASS. Ein anderes auffälliges Merkmal betrifft die Zuständigkeitsverteilung der Wissensproduktion über Zentralasien: Während die Forschung in Beijing und Shanghai in erster Linie an Politik und Strategieentwicklung orientiert ist, umfasst die Zentralasienforschung in Xinjiang (mehrere Forschungsinstitutionen wie die XASS und die Xinjiang University) ein wesentlich breiteres Spektrum an Forschungsthemen und -gebieten und hat insbesondere geisteswissenschaftliche Expertise hervorgebracht. Das ICAS an der Lanzhou University bietet umfassende Regionalforschung an, in den vergangenen Jahren hat sich ein Fokus auf Sicherheitsfragen herausgebildet. Das wichtigste Forschungszentrum in Xi’an, die Shaanxi Normal University, hat sich vor allem auf Geschichte und Erforschung ethnischer Minderheiten spezialisiert. Die in Beijing-basierte Zentralasien-Forschung wird damit als besonders einflussreich für den politische Entscheidungsprozess angesehen, während Xinjiang seine günstige Position zur Rekrutierung von Vertretern nationaler Minderheiten, etwa Kasachen und Kirgisen, die die Titularsprache der westlichen Nachbarstaaten beherrschen, nutzt.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren an den chinesischen Universitäten ein auffälliger Trend zur Gründung von sog. Zentralasien-Forschungsinstituten zu verzeichnen ist – so haben zum Beispiel allein in Xi’an mehrere Universitäten neue Institute für Zentralasienstudien geschaffen. Ihr Hauptzweck ist jedoch nicht, die akademische Forschung zu fördern, sondern internationale Studierende aus den Ländern Zentralasiens zu gewinnen.

Einer der auffallendsten Forschungstrends im Zusammenhang mit Chinas Zentralasienpolitik ist die Ausweitung der Forschung zur Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Wie bekannt, handelt es sich bei der SCO um eine Organisation zur regionalen Zusammenarbeit, die im Jahre 2001 von China, Russland und den vier zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan offiziell gegründet wurde. Seit ihrer Gründung haben sich dank der Unterstützung der Regierung die akademische Beschäftigung mit dieser Organisation und der Kenntnisstand über ihre politische Entwicklung extrem schnell ausgeweitet. Forschung zur SCO wird in China in Dutzenden von Organisationsstrukturen im ganzen Land betrieben, besonders stark ist sie an den Forschungseinrichtungen in Beijing und Shanghai konzentriert. Fast an jedem großen Think Tank in diesen Städten gibt es SCO-Experten. Hierzu zählen zum Beispiel das Chinesische Zentrum für SCO-Studien an der CIIS (Beijing), das Zentrum für SCO-Studien an der CASS (Beijing) sowie Zentren gleichen Namens an der Akademie für Sozialwissenschaften (SASS) und an der Fudan-Universität in Shanghai etc. So sind etwa Regierungsvertreter, Forscher bzw. Experten von Universitäten und Think Tanks Mitglieder des Chinesischen Zentrums für SCO-Studien an der CIIS; dessen jährliche Treffen stellen eine Plattform für den Austausch zwischen Regierung und akademischer Welt dar.

Es ist nicht überraschend, dass die Entwicklung der Forschung zur sog. One Belt – One Road (OBOR)-Initiative nach demselben Muster verläuft. Die OBOR-Initiative des chinesischen Präsidenten Xi Jinping verknüpft zwei außenwirtschaftliche Konzepte: »Silk Road Economic Belt«, als Verbindung Chinas mit Europa auf dem Landweg durch Zentralasien, sowie die »Maritime Silk Road« [die chinesische Häfen mit dem Nahen und Mittleren Osten sowie der afrikanischen Ostküste verbinden soll] (Anm. d. Redaktion). Allein in den letzten beiden Jahren sind Dutzende von neuen Forschungseinrichtungen zu diesem groß angelegten Vorhaben gegründet worden. Die OBOR-Strategie scheint zum heißesten Forschungsthema geworden zu sein – oder zum lukrativsten, wie einige chinesische Experten scherzen.

Obwohl das Wissen über Zentralasien in China also ständig wächst, befindet es sich immer noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Chinesische Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Entwicklung der Zentralasienforschung durch einige Hemmnisse behindert wird. Dazu gehören das relativ niedrige akademische Niveau, unterentwickelte Forschungsmethoden sowie ein Mangel an Fachleuten [mit entsprechenden Fremdsprachenkenntnissen] (Anm. d. Redaktion), die tatsächlich Zentralasienstudien als Hauptfach belegt haben. Denn die Mehrzahl der chinesischen Experten, die sich mit Zentralasien befassen – besonders in Beijing und Shanghai –, hat ihre Ausbildung ursprünglich im Bereich der Russlandstudien erhalten. Dies hat dazu geführt, dass die Russlandforschung generell als »Hauptforschungsfeld« (zhuye) angesehen wird, die Zentralasienforschung dagegen als »Nebensache« (fuye).

Alte und neue Verbindungen

In frühen chinesischen Quellen [insbesondere der Han-Periode] (Anm. d. Redaktion) liegen die heutigen zentralasiatischen Staaten innerhalb der Region, die [bis zum Ende des 19. Jahrhunderts] (Anm. d. Redaktion) »xiyu«, also »Westliche Region(en)« genannt wurde, obwohl kein zeitgenössischer Forscher die Grenzen dieser Region exakt definieren könnte. Fragt man chinesische Zentralasienexperten heute nach ihrem grundsätzlichen Bild von Zentralasien, so wird jedoch fast jeder auf xiyu verweisen; ein Konzept, das gewöhnlich mit romantischen Vorstellungen über die historischen Austauschbeziehungen zwischen den Völkern der Westlichen Region und dem chinesischen Kernland assoziiert wird.

Ausgehend von Präsident Xis Seidenstraßen-Initiative können wir derzeit einen anhaltenden Forschungsboom beobachten, der sich mit der alten Seidenstraße und ihrer modernen Version befasst. Einige chinesische Wissenschaftlicher weisen darauf hin, dass die Rolle Zentralasiens als Brücke zwischen Osten und Westen durch die nördliche Ausrichtung der dort unter russischer und sowjetischer Herrschaft gebauten Verkehrsinfrastruktur in den Hintergrund gedrängt wurde. Heute fordert Zentralasien seine historische Rolle jedoch zurück, davon zeugen ihrer Ansicht nach die gemeinsamen zentralasiatisch-chinesischen (oft von China finanzierten) Infrastrukturprojekte, die nicht nur die regionale Integration fördern wollen, sondern auch den Handel zwischen den Großregionen.

Wenn man über historische Bindungen bzw. kulturelle Verwandtschaft zwischen den Völkern Chinas und seinen zentralasiatischen Nachbarn spricht, bezieht sich das gewöhnlich auf die ethnischen Minderheiten (minzu), die diesseits und jenseits der Grenzen zwischen China und Zentralasien leben und eine gemeinsame Sprache, Kultur und Religion haben, wie Kasachen, Kirgisen, Dunganen, Uighuren, Usbeken und Pamiris [Letztere in China zusammenfassend Tadschiken genannt] (Anm. d. Redaktion) etc. Zu diesen ethnischen Gruppen sind in China beachtliche Forschungen durchgeführt worden, hauptsächlich von Wissenschaftlern aus dem westlichen Teil des Landes. Dennoch betonen die meisten Experten, dass die breite Öffentlichkeit in China – mit Ausnahme der Bevölkerung in den Grenzregionen und der Regionen mit bedeutenden verwandten ethnischen Minderheiten – nur geringe Kenntnisse über Zentralasien hat. Sie sagen außerdem, dass dies auf den ersten Blick zwar paradox erscheine, aber doch einleuchtend sei, denn Xinjiang wurde bis vor wenigen Jahren in der Öffentlichkeit als natürliche Pufferzone zwischen dem chinesischen Kernland und xiyu angesehen. Wenn Xinjiang eine riesige Pufferzone zwischen China und Zentralasien bildet, dann stellt Zentralasien eine Pufferzone zwischen China und Russland dar.

Die Beziehungen zu Russland gehören zudem zu den Schlüsselfaktoren, die die Zentralasienpolitik der chinesischen Führung bestimmen. Der offizielle chinesische Diskurs, dass »China die ›speziellen Interessen‹ Russlands in Zentralasien anerkennt«, wird im Wesentlichen von den Wissenschaftlern geteilt. Chinesische Forscher sind sich der skeptischen Haltung Russlands gegenüber der chinesischen Zentralasienpolitik bewusst und erwägen gründlich, wie Russland auf etwaige politische Schritte und Maßnahmen Chinas in der Region reagieren könnte, indem sie die Präferenzen aller beteiligten Akteure einbeziehen. Sie erkennen außerdem die Tatsache an, dass Russland nicht nur die Position eines »traditionellen Verbündeten Zentralasiens« oder »Sicherheitsgaranten« einnimmt, sondern auch über starken kulturellen Einfluss in der Region verfügt, während China von einem ähnlich bedeutenden Status in der Region (noch) weit entfernt ist. Ein renommierter chinesischer Experten formulierte das gegenüber der Autorin folgendermaßen: »Die zentralasiatischen Staaten und Russland können Meinungsverschiedenheiten haben und miteinander diskutieren, aber von uns aus betrachtet ist das ein Familienstreit. Sie gehören alle zu einer Familie.« Andrerseits sind die Beziehungen der zentralasiatischen Länder zu ihrem früheren Zentrum Russland asymmetrisch, der »russische Bruder« handelt oft als »älterer Bruder« und wird gewöhnlich so wahrgenommen. In dieser Hinsicht begrüßen die zentralasiatischen Führungen die Präsenz Chinas als ein Gegengewicht zu Russland.

Die Bedeutung der SCO

Unter dem Aspekt des Machtgleichgewichts hat die SCO für alle Mitglieder eine wichtige Funktion. Chinesische Experten unterstreichen die Bedeutung der SCO und insbesondere die Bedeutung der Mitgliedschaft Chinas für die zentralasiatischen Staaten. Diese sind bestrebt, Russlands starkem Einfluss etwas entgegen zu setzen. Außerdem sind chinesische Wissenschaftler der Ansicht, dass die Organisation eine gute Plattform für eine vertiefte wechselseitige Wahrnehmung und Kommunikation darstellt und man sich in ihrem Rahmen mit den Interessen und Problemen der anderen Mitgliedsstaaten besser vertraut machen kann.

Seit der Gründung der SCO haben sich chinesische Wissenschaftler und Experten in zahlreichen Forschungsprojekten mit dieser Organisation befasst. Zwar schwanken ihre Bewertungen, was ihre Wirkungsmächtigkeit und ihren Erfolg angeht, zwischen »gut« und »wenig effektiv«, doch niemand zweifelt an ihrer Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist die Sicherheitsfrage immer von eminenter Bedeutung für die Führung in Beijing gewesen. Dahinter steckt das Ziel, Sicherheit und eine stabile Entwicklung in den nordwestlichen Grenzregionen, vor allem in Xinjiang, zu gewährleisten. Die Kooperation mit den westlichen Nachbarländern bei der Bekämpfung der »drei Übel« des Terrorismus, des Separatismus und des Extremismus sowie auch des Drogenhandels und der internationalen Kriminalität ist gemeinsames Ziel aller Mitglieder. Zweitens gehören die Grundprinzipien der Organisation – wechselseitiger Respekt für die Souveränität und territoriale Integrität der Mitgliedsstaaten und Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten – ebenfalls zu den fundamentalen Grundsätzen der chinesischen Diplomatie. Die Mitgliedsstaaten der SCO unterstützen Beijings »Ein China-Prinzip« ebenso wie seine politische Strategien zur Lösung der »uighurischen Frage«.

Was das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten betrifft, so kann man zwei Hauptrichtungen ausmachen. Die Mehrheitsmeinung innerhalb der SCO unterstützt das Prinzip der Nichteinmischung und lehnt Interventionen ab. Angesichts der Reaktion der SCO auf die seit Jahren bestehenden Spannungen zwischen Uighuren und Han in Xinjiang ist dies offensichtlich. Andererseits vertreten einige Experten die Meinung, dass die SCO sich aktiv für die Sicherheit in der Region einsetzen und, wenn es erforderlich ist, auf innere Destabilisierungsprozesse oder Krisen unpolitischer Natur reagieren sollte. Als negatives Beispiel haben etwa die ethnischen Zusammenstöße im kirgisischen Osch im Jahr 2010 den geringen Zusammenhalt innerhalb der SCO und ihre geringen Einfluss augenscheinlich werden lassen, denn die Organisation war nicht in der Lage, konkrete Mechanismen zur Konfliktvermittlung anzubieten.

Hinzu kommt, dass in China, aber auch anderswo, allgemein zugegeben wird, dass die SCO bislang nicht besonders erfolgreich dabei war, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen ihren Mitgliedsstaaten zu intensivieren. Wichtige wirtschaftliche Kooperationen und Investitionsprojekte in großem Maßstab wurden bislang hauptsächlich im Rahmen bilateraler Beziehungen verwirklicht. Dennoch glauben chinesische Experten, dass die SCO ein großes Potential für die Entfaltung multilateraler wirtschaftlicher Zusammenarbeit besitzt, denn eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung in der Region ist die wichtigste Grundlage für die Garantie regionaler Sicherheit.

Fazit: Verschränkung von Wissenschaft und Politik

Die akademische Forschung zu Zentralasien scheint in China für politische Entscheidungsprozesse relevant zu sein und der wissenschaftliche Diskurs hat über direkte oder indirekte Informationskanäle Einfluss auf die politischen Strategien der Regierung. Beispielsweise werden Forschern gelegentlich Forschungsprojekte übertragen, welche die Regierung in Auftrag gegeben hat, um Empfehlungen für politische Maßnahmen auszuarbeiten. Ein anderes Beispiel ist die Berufung von Experten als Politikberater für Behörden. Wie oben skizziert, hat die chinesische Regierung für die Entwicklung und Institutionalisierung der Wissensproduktion in diesem Bereich umfangreiche Unterstützung bereitgestellt. Man kann schlussfolgern, dass die Bedeutung der Region Zentralasien für China zunehmend anerkannt wird. Allerdings ist der erwähnte Mangel an qualifizierten, auf Zentralasien spezialisierten Wissenschaftlern nach wie vor ausgeprägt. Und dieses Problem hat zwei, auf den ersten Blick paradoxe, Folgen. Einerseits sind »rares Fachwissen und Regionalkenntnisse« besonders wertvoll, und es ist denkbar, dass sie deshalb umso größeren Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Andererseits weisen viele chinesische Wissenschaftler darauf hin, dass der Mangel an kompetenten Experten nicht nur die Entwicklung der Regionalwissenschaft behindert, sondern auch insbesondere die Qualität der politikrelevanten Forschung. Von daher bleibt der Ausbau der Zentralasienforschung und der entsprechenden wissenschaftlichen Ausbildung eine wichtige Aufgabe für das heutige China.

Aus dem Englischen von Brigitte Heuer

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