Zum Stalinkult am Tag des Sieges

Von Sergey Medvedev (Berlin / Moskau)

Posner: Tag mit Tränen in den Augen

»[…] Für mich ist der Tag des Sieges kein fröhlicher Feiertag, sondern ein Feiertag mit Tränen in den Augen. Ich erinnere mich, wie es in New York, wo ich in den vierziger Jahren aufwuchs, die ganze Zeit um das Heldentum der Russen ging, und darum, dass es eben die Russen waren, die Hitler besiegt haben. Sowohl Roosevelt als auch Churchill haben mehrfach davon gesprochen. Das ist natürlich längst in Vergessenheit geraten, in den USA und generell im Westen. Es heißt [jetzt], dass Amerika und sein Verbündeter Großbritannien den Sieg errungen haben. Naja, man gibt zu, dass die Russen auch gekämpft haben, aber mit dem Sieg nicht besonders viel zu tun hatte. Allerdings hat man auch in Russland die Bedeutung des »Lend-Lease-Act« vergessen, die Lieferungen von Technik und Lebensmitteln, die Seeleute, die all das mit Schiffen transportierten und dabei ihr Leben riskierten und dabei immer wieder durch deutsche U-Boote umkamen.

Für mich ist der Tag des Sieges der Tag, an dem das Heldentum des sowjetischen Volkes gefeiert wird. Eben das Heldentum – anders kann man es nicht nennen. Aber für mich persönlich ist es auch ein Tag, an dem ich der fast 30 Millionen Toten gedenke. Stellen Sie sich vor, 30 Millionen! Wissen Sie, wie viele die Deutschen verloren haben, während sie seit 1939 gekämpft haben, und dass an zwei Fronten? Sieben Millionen. Das heißt, die Sowjetunion hat vier Mal so viele Menschen verloren wie Deutschland. Warum? Weil unser Land auf den Krieg nicht vorbereitet war. Und wer ist schuld daran? Schuldig sind diejenigen, die den Meldungen ihrer brillanten Aufklärer darüber, dass die Deutschen am 22. Juni 1941 angreifen würden, nicht geglaubt haben. Die den Warnungen von Churchill nicht geglaubt haben, der dieses Datum mitgeteilt hatte. Und als die Wehrmacht die Grenze überquert hatte, Militärflughäfen bombardiert wurden, untersagte der gleiche Mensch, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Seinetwegen hat die UdSSR in den ersten Monaten immense Verluste erlitten; wegen seiner Fehler haben die Deutschen blitzschnell Leningrad, Moskau, Stalingrad erreicht; wegen seiner Fehleinschätzungen hatten sie die ganzen drei Jahre das sowjetische Land unter ihrem Stiefel. Der Name des Mannes ist Iossif Wissarionowitsch Stalin.

Nicht er hat den Krieg gewonnen, sondern das Volk dank seines beispiellosen Heldenmuts.

Der Tag des Sieges ist ein großer Feiertag; aber auf keinen Fall ein fröhlicher, sondern einer mit Tränen in den Augen.«

Wladimir Posner am 9. Mai auf »pozneronline.ru«; <http://pozneronline.ru/2016/05/15586/>

Skojbeda: »Iosif, wir verbessern uns«

»[…] Sysran ist eine unpolitische Stadt: Obwohl es hier eine Erdölraffinerie gibt, verdienen die Menschen in der Regel 17.000 Rubel [ca. 240 Euro] im Monat, und sie stellen keine großen Gedanken an, sondern überlegen, wie sie über die Runden kommen können. Aber wie die Stadt anlässlich des Tags des Sieges geschmückt ist, das hat mich als Moskauerin überrascht.

Die Hauptstraße, die Sowjetskaja-Straße, ist buchstäblich komplett plakatiert. In jedem Schaufenster hängen Orden, Porträts von Kriegsveteranen und Georgs-Bändchen. Das schafft eine ausgezeichnete feierliche Atmosphäre! Wunderbar!

Die größte Überraschung sind aber die riesigen Plakate mit Stalin am örtlichen Markt und in der Friedrich-Engels-Straße. Auf dem ersten steht: »Unsere Sache ist gerecht!«. Auf dem zweiten steht ein längeres Zitat darüber, dass die Welt kein starkes Russland braucht, und dass wir nur auf unsere eigenen Kräfte zählen sollten.

Sowohl über das erste als auch über das zweite kann man kaum streiten. Und man will es auch nicht!

Erstaunlich ist, dass die regelmäßig um den 9. Mai herum auftauchenden Plakate mit Iosif Wissarionowitsch unweigerlich ein Aufheulen bei der liberalen Öffentlichkeit hervorruft. In verschiedenen Jahren gab es in manchen Städten Skandale, als bereits bezahlte Plakate wieder abgehängt wurden, Busse und Kleinbusse mit dem schnurrbärtigen Antlitz nicht auf ihre Tour durften, usw.

Hier aber hängen sie! Und niemand stört sich groß daran…

Im Netz gibt es ein satirisches Bild: auf einem Plakat mit Gagarin, auf dem schief geschrieben steht: »Jurij, wir haben alles verloren!« (so in der jugendfreien Fassung). Im »Russischen Frühling« 2014 [Anführungszeichen durch d. Red.] tauchte ein weiteres Plakat auf, auf dem diese Überschrift durchgestrichen ist und folgendermaßen überschrieben wurde: »Jurij, wir verbessern uns!«

Ich finde, unter den Stalin-Plakaten sollte man schreiben: »Iosif, wir verbessern uns!«

Uljana Skojbeda am 7. Mai auf »kp.ru«; <http://www.kp.ru/daily/26526.7/3543082/>

Jewdokimow: Tag des Sieges – Tag Stalins

»Jedes Mal am 9. Mai entflammt der Streit: Wer hat den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen? Klar, dass die große Sowjetunion Nazi-Deutschland zerschlagen hat – die rote Fahne über dem Reichstag können selbst die heftigsten »Anti-Sowjetisten« nicht leugnen. Es geht um etwas Anderes, darum, wer genau gewonnen hat: das sowjetische Volk trotz seiner Führung oder das gleiche sowjetische Volk, aber dank der außerordentlichen Führungsfähigkeiten von I.W. Stalin? [Hervorhebung i. Original; d. Red.] […]

Jeder Krieg ist zu einem erheblichen Teil ein intellektuelles Duell der Oberbefehlshaber der beiden Kampfparteien. Bedenkt man, dass sich der deutsche [Oberbefehlshaber] in einem von allen Seiten umzingelten Bunker erschoss und der sowjetische eineinhalb Monate später auf der Tribüne des [Lenin-]Mausoleums stand und man zu seinen Füßen Nazi-Banner niederwarf, ist ja völlig offensichtlich, wer das Duell gewonnen hat. Ja, der 9. Mai 1945 ist der Feiertag des Großen Sieges des ganzen sowjetischen Volks, er ist aber zugleich der Feiertag des Sieges seines Anführers über den besessenen Führer. Es ist der Tag Iosifs des Siegtragenden [im Original in Anspielung an den Heiligen Georg; d. Red], egal wie sehr die »Entstalinisatoren« versuchen, seine bedeutende Rolle als der Oberbefehlshaber des Unsterblichen Regiments kleinzureden.«

Alexander Jewdokinow am 9. Mai auf »svpressa.ru«; <http://svpressa.ru/blogs/article/148182/>.

Chudijew: Stalin als Keil

Das Feiern des Sieges und das an sich absolut gerechte Gedenken an die Opfer, die im Kampf gegen den Nazismus gekämpft haben, wird von Jahr zu Jahr von Versuchen überschattet, den Stalinkult wiederzubeleben. In der späten UdSSR ist man bei aller Würdigung des Sieges ohne das ausgekommen; heute aber brauchen viele Menschen einen Führer. […]

Personen, die für massenhafte Gräueltaten und ihre äußerste Missachtung gegenüber Menschenleben bekannt sind, als Helden und nachahmenswerte Vorbilder zu akzeptieren, bedeutet, die Grausamkeit und Rechtlosigkeit als vollauf akzeptable Sache zu deklarieren, die Schwelle der Gewalt abzusenken und das Menschenleben zu entwerten. Die durchaus praktischen Ergebnisse hiervon sind leider schon zu beobachten.

Wenn jemand Mittäter des Holocaust und des Massakers in Wolhynien [Massenmorde an Polen durch ukrainische Nationalisten 1943/44 unter deutscher Besatzung; d. Red.] als seine Helden ansieht, dann hat er sich von bestimmten Grundvorstellungen von Gerechtigkeit und Menschlichkeit verabschiedet. Solche Menschen werden leider nie eine humane und wohlhabende Gesellschaft aufbauen. Das gilt auch für die Menschen, die Stalin huldigen. […]«.

Sergey Chudijew am 9. Mai auf pravmir.ru <http://www.pravmir.ru/stalin-kak-klin/>

Gluchowskij: Wir schützen treu das zwanzigste Jahrhundert

»Seit dem Amtsantritt Putins und der Revanchisten aus dem KGB begehen wir immer feierlicher den Tag des Sieges. Jedes Jahr im Mai erinnern wir uns den ganzen Monat mit immer größerer Leichtigkeit an den Großen Krieg, bei dem fast niemand mehr von uns gekämpft hat.

Der Grund ist klar: neue Siege hat es für unser Land bis zur Krim nicht gegeben; und auch der Sieg auf der Krim ist ein Sieg Kains über Abel; die Freude daran verrottet und stinkt immer stärker. Deswegen musste er dem Volk mit Georgbändchen dekoriert präsentiert werden.

Der Sieg im Großen Vaterländischen [Krieg], ja allein das schlichte Überleben in ihm hat uns derart fürchterliches unvorstellbares Blut gekostet, dass dieses Blut uns jegliche Zweifel verbietet. Wir können uns nicht fragen, ob wir nicht selbst den Krieg näher rücken ließen, ihn nicht selbst möglich gemacht haben, oder schlichtweg, ob wir damals alles gut gemacht haben, auf richtige Weise gekämpft haben, ob wir das Recht gehabt hätten, die Menschenleben zu schonen. All das würde das Gedenken an die Toten beleidigen; und diese Toten gibt es ja in jeder Familie.

Das Opferblut hat den Krieg zu einem Heiligen [Krieg] gemacht, zu einem unantastbaren. Stalin, der umsonst und gnadenlos Millionen unserer Väter und Großväter opferte, hat im Opferblut gebadet und ist dadurch zum Heiligen geworden. Stalin zu beleidigen, heißt nun, das Gedächtnis derjenigen zu beleidigen, die mit seinem Namen auf den Lippen starben – sonst würde es bedeuten, dass sie umsonst gestorben wären, und das wäre unbegreiflich.

Wir sind in diesem Krieg stecken geblieben und versacken immer tiefer in seinen Schützengräben; wir haben uns in Festungszonen eingegraben und werden unsere Stellungen nicht aufgeben; wir verteidigen getreu das zwanzigste Jahrhundert – soll doch der Rest der Welt ruhig schon im einundzwanzigsten angekommen sein.

Die Amerikaner feiern das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht, die Deutschen und die Engländer feiern es nicht; sie haben ihn erlebt und überwunden ; sie haben Frieden geschlossen. Nur unser Land hat man in den Schützengräben vergessen.[…]«.

Dmitrij Gluchowskij am 9. Mai auf snob.ru <https://snob.ru/selected/entry/108142>

Ausgewählt und eingeleitet von Sergey Medvedev, Berlin

(Die Blogs, auf die verwiesen wird, sind in russischer Sprache verfasst)

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Zum Artikel auf zeitschrift-osteuropa.de
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