Netzwerkbildung zwischen Städten als Faktor für eine nachhaltige Entwicklung der arktischen Städte

Von Nadeshda Samjatina (Moskau)

Zusammenfassung
Die interstädtischen Migrationsbewegungen im Norden Russlands werden oft für viele der Probleme verantwortlich gemacht, die die Zentren der arktischen Zone des Landes zu bewältigen haben. Die sozialen Netzwerke, die sich aus dieser Migration ergeben, ein oft übersehener Faktor, tragen jedoch merklich zur Nachhaltigkeit dieser Städte bei. Wegen seiner einmaligen Geographie und politischen Landschaft sind in Russland soziale Netzwerke für den Aufbau wirtschaftlicher und sozialer Nachhaltigkeit von essentieller Bedeutung. Anhand von Daten aus der Website »V kontakte« konnten Muster spezifischer Migrationsbewegungen zwischen einer Reihe urbaner Zentren aufgezeigt werden. Migrationsbewegungen scheinen nicht nur rein wirtschaftlich motiviert, sondern auch durch soziale Netzwerke beeinflusst zu sein. Diese Netzwerke versorgen die Städte des Nordens mit einer Reihe von Rückkehrern und sie beeinflussen geschäftliche Netzwerke. Die Typologie und ersten Ergebnisse der Studie bieten eine Grundlage, von der aus eine weitere Erforschung dieser Entwicklungen unternommen werden kann.

Einführung

Die Städte des hohen Nordens, insbesondere die größeren, erfahren stetig eine beträchtliche Abwanderung. Die wird jedoch gewöhnlich durch eine entsprechende Zuwanderung wettgemacht. Diese ständige Migration wird typischerweise als Grund für Instabilität in den arktischen Städten betrachtet. In diesem Beitrag soll die Migration aus den Städten des Nordens neu betrachtet werden. Eine solche Migration ist für die Städte nicht destabilisierend, sondern bindet sie in größere soziale Netzwerke ein. Diese Dynamik erhöht also die Stabilität dieser städtischen Zentren.

Theoretische Ansätze

In Russland sind soziale Netzwerke für die Gestaltung der Wirtschaftsbeziehungen noch wichtiger als in Europa oder den USA. Die riesige Größe des Landes und der relativ geringe institutionelle Entwicklungsstand machen die Verbindungen zwischen den Regionen sehr viel kostspieliger als in Europa und den USA. Darüber hinaus ist, wie typischerweise für Länder mit einer Transformationswirtschaft, für Russland die große Rolle kennzeichnend, die informelle Kommunikation und Kontakte spielen. Der Transformationscharakter der Wirtschaft zwingt die wirtschaftlichen Akteure dazu, ihr soziales Kapital zur Senkung der Transaktionskosten einzusetzen. Als Ergebnis werden durch die Einbindung der Stadtbewohner in unterschiedliche soziale Netzwerke die wirtschaftlichen Kontakte für die Stadt als Ganzes gefördert. Soziale Netzwerke gestalten Kontakte zwischen den Unternehmen, Innovations- und Wissenstransfer; sie haben ebenso Einfluss auf die jeweilige lokale Identität und die Übernahme moderner Lebensstandards.

Jugendmigration ist sowohl Ursache als auch Folge sozialer Netzwerke. Die institutionelle Ordnung und die hohen Transaktionskosten nötigen junge Bewohner Russlands dazu, starke soziale Bindungen einzusetzen, um die Transaktionskosten zu senken, wenn sie von einer Stadt in eine andere umziehen. Die Daten zur Migration zwischen den Städten zeigen uns, dass die Kraft starker institutioneller Bindungen mitunter größer ist, als die Kraft der Entfernung oder ein Agglomerationseffekt: Einige weit voneinander entfernte Städte sind durch Migrationsströme trotzdem eng miteinander verbunden.

Angesichts dieser Umstände muss also über die wohlbekannten Faktoren organisatorische und geographische Nähe hinaus auch die soziale Nähe zwischen Städten betrachtet werden. Diese Art Nähe wird durch Migrationsströme bestimmt.

Daten und Methoden

Die Daten, die unserer Studie zugrunde liegen, bestehen aus Informationen über den (beruflichen) Werdegang, die in den persönlichen Seiten von <www.vk.com> enthalten sind, dem populärsten sozialen Online-Netzwerk in Russland (es verbindet über 70 Prozent der jungen Menschen in Russland); insbesondere wurden Daten zu Geburtsort, Schule, Universität und gegenwärtigem Wohnsitz ausgewertet. Die Daten wurden mit einer speziell entwickelten Software extrahiert, die von Alexej Jaschunskij ausgearbeitet wurde. Wir haben diese Methode eingesetzt, weil es in den offiziellen Statistiken in Russland zu wenig Daten über interstädtische Migration gibt.

Mit der Hilfe unseres Kollegen Alexej Jaschunskij haben wir pro Stadt zwischen 3.000 und 14.000 Sätze persönlicher Daten von Menschen im Alter von 20 bis 29 gesammelt (diese Altersgruppe entspricht ungefähr 10–15 % der städtischen Gesamtbevölkerung), und zwar für die folgenden großen Städte in der Arktis und dem hohen Norden: Nojabrsk (109.200 Einwohner, 15.050 Datensätze), Norilsk (177.300 / 14.832), Magadan (95.700 / 12.738), sowie für zwei kleinere arktische Städte: Murawlenko (33.500 / 5.221) und Gubkinskij (23.500 / 3.263).

Ergebnisse

Die meisten der jungen Migranten ziehen aus dem Norden in Städte, in denen sich eine Art »nördliche Diaspora« herausbildet. In erster Linie ziehen sie in die größten Städte Russlands, die »Gruppe der Hauptstädte«, dabei öfter nach St. Petersburg als nach Moskau (s. Grafik 1 auf S. 13), und auch ins nächstgelegene makroregionale Zentrum, etwa nach Nowosibirsk oder Jekaterinburg (s. Tabelle. 1 auf S. 13), weg aus der jeweils untersuchten Heimatstadt.

Die führende Rolle St. Petersburgs ist nicht überraschend. In der UdSSR hatte Leningrad (Petersburg) starke institutionelle Verbindungen zum hohen Norden Russlands; viele wissenschaftliche, Bau-, Entwicklungs- und Beratungseinrichtungen arbeiteten an der Entwicklung der nördlichen Regionen. Die Staatliche Universität Leningrad war für jene, die sich für den Norden interessierten, der traditionelle (Aus)Bildungsort. Es scheint, dass die jungen Menschen, die aus dem Norden nach St. Petersburg ziehen, eher der Bahn ihrer Eltern folgen, als den heutigen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die niedrigeren Preise für Immobilien und Bildung in St. Petersburg mögen hier allerdings auch eine Rolle spielen.

Die Wahl eines regionalen Zentrums wird von Folgendem beeinflusst: 1) dem administrativen Status (Tjumen ist das für Nojabrsk, Murawlenko und Gubkinskij zuständige Verwaltungszentrum, während Norilsk in den Bereich von Krasnojarsk fällt); 2) dem Prestige und den wirtschaftliche Möglichkeiten, sowie 3) einer ähnlicher Spezialisierung. Der zweite Grund lässt sich durch den Umstand illustrieren, dass nur sehr wenige nach Omsk ziehen, das genauso nahe liegt und bevölkerungsreich ist (eine Million Einwohner) wie Nowosibirsk; dieses entwickelt sich schneller und hat eine bessere Universität, wodurch es mehr Migranten anzieht. Der dritte Grund wird durch das Beispiel Ufa illustriert, das über eine Universität für die Ölwirtschaft verfügt (in Tjumen gibt es ähnliche Einrichtungen), wodurch diese Stadt für Migranten aus den ölgewinnenden Städten Murawlenko und Gubkinskij attraktiv ist. Hier findet zudem eine Migration in zwei Richtungen statt: Es gibt viele Leute in Murawlenko und Gubkinskij, die in Baschkortostan geboren wurden (Ufa ist die Hauptstadt von Baschkortostan). Es gibt also starke Diaspora-Bindungen, die hier eine Rolle spielen. Schließlich ist die Entfernung wichtig: Menschen aus Magadan ziehen nach Wladiwostok oder Chabarowsk, die beiden nächstgelegenen großen Städte. Die zweite Gruppe der »Empfänger«-Städte besteht aus kleinen und mittelgroßen »professionellen« Städten, die industriell in der gleichen Richtung »spezialisiert« sind, wie die entsprechenden Städte im Norden, oder in denen es Möglichkeiten für eine Ausbildung in Disziplinen gibt, die für diese Industrien relevant sind. In Bezug auf die ölgewinnenden Städte Nojabrsk, Murawlenko und Gubkinskij sind das Städte mit Organisationen aus der Ölindustrie: Sterlitamak, Almetjewsk, Nadym, Nowyj Urengoj, Salawat usw.

Die dritte Gruppe wird durch eine Anzahl von »Großmutter-Städten« gebildet. Unsere Forschungen zeigen, dass wechselseitige Migrationsbewegungen zwischen Städten des Nordens und einigen Städten der Peripherie bestehen; einige Menschen wurden in Orten der Peripherie geboren und sind in den Norden gezogen; andere wiederum wurden im Norden geboren und sind in bestimmte Städte der Peripherie gezogen. Diese Städte haben eine konsequent negative Migrationsbilanz und sind oft regionale Zentren, die in einer Depression stecken, etwa Kirow oder Kurgan. Wir nehmen an, dass wir es in diesen Fällen mit jungen Menschen zu tun haben, die aus dem Norden in die Geburtsorte ihre Eltern ziehen und dabei die von ihnen aufgebauten sozialen Netzwerke nutzen.

Die letzte Gruppe bilden die »komfortablen Städte«. Die liegen gewöhnlich im südlichen Teil Russlands oder in der Nähe von Moskau. Als Faktoren des »Komfortablen« sind hier nicht nur die klimatischen oder unternehmerischen Bedingungen zu betrachten, sondern auch die institutionellen, die von großer Bedeutung sind, insbesondere beim Immobilienerwerb. Hierzu sind auch spezielle Umsiedlungsprogramme oder das Vorhandensein von Maklerfirmen zu zählen, die sich auf Immobilien für ehemalige Bewohner des Nordens spezialisiert haben (von denen einige in diesen Firmen arbeiten und in die sozialen Netzwerke des Nordens eingebunden sind).

Das führt dazu, dass einige Städte sich auf die Bereitstellung von Wohnraum für ehemalige Residenten des Nordens spezialisieren. Über ganz Russland verteilt, gehören zu diesen Städten unter anderem Belgorod, Krasnodar und Jejsk.

Belgorod ist eine unikale Stadt: mindestens ein Prozent aller Schulabsolventen in Magadan und Norilsk, sowie wenigstens 0,5 % aller Schulabsolventen in Nojabrsk, Murawlenko und Gubkinskij haben sich letztendlich in Belgorod niedergelassen.

Einige der »komfortablen Städte« haben nur für ihre »Partner« diese Qualität: So hat die kleine Stadt Alexandrowsk (Gebiet Wladimir) diese Funktion nur für ehemaliger Bewohner von Magadan; zu anderen Zentren des Nordens gibt es keine Verbindungen.

Schlussfolgerungen

Ein großer Teil der gesamten Migrationsbewegungen aus dem Norden Russland wird durch soziale Bindungen und Familientraditionen bestimmt (wenn etwa Mitglieder einer Familie an derselben Universität studieren). Diese Migrationsbewegungen lassen interstädtische soziale Netzwerke entstehen.

Neben den hier beschriebenen Ergebnissen verfügen wir über Daten, die zeigen, wie sich die sozialen Bindungen zwischen Städten im Norden und im Süden auf den Beschäftigungsmarkt, Vertragsabschlüsse zwischen Firmen, Innovationstransfer und nachhaltige Stadtentwicklung auswirken. Diese Daten bieten ein reiches Feld für weitere Forschungen.

Zum Weiterlesen

Artikel

Antirevolutionäre Revolutionserinnerungspolitik: Russlands Regime und der Geist der Revolution

Von Il’ja Kalinin
Russlands Führung steht im Jahr 2017 vor einer Herausforderung: Sie muss Erinnerung an die Oktoberrevolution in ein Geschichtsbild verpacken, das Revolutionen als solche ablehnt. Ihre zentrale Botschaft lautet: Versöhnung. Doch es geht nicht um den Bürgerkrieg 1917–1920. Die Vergangenheit ist nur vorgeschoben. Es geht darum, jede Form von Kritik am heutigen Regime als Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens zu diffamieren und mit dem Stigma zerstörerischer revolutionärer Tätigkeit zu belegen. (…)
Zum Artikel auf zeitschrift-osteuropa.de
Analyse

Von der lokalen Selbstverwaltung zur "Machtvertikale"

Von Vladimir Gelman
Die lokale Selbstverwaltung ist in der russischen Verfassung verankert und in den 1990er Jahren wurden zu ihrer Realisierung ernsthafte Schritte unternommen. Das Ergebnis war jedoch aufgrund der Schwäche des Zentrums eine von den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich gestaltete Kommunalreform. Unter Präsident Vladimir Putin ist die lokale Selbstverwaltung dann systematisch eingeschränkt worden. Im Ergebnis hat sie mittlerweile nur noch symbolischen Charakter.
Zum Artikel

Logo FSO
Logo DGO
Logo ZOIS
Logo DPI
Logo IAMO
Logo IOS