30 Jahre Abkommen über das Deutsch-Polnische Jugendwerk – durch Krisen gestärkt

Von Michael Lingenthal (Meine)

Vor 30 Jahren, am 17. Juni 1991, wurde das Abkommen über das »Deutsch-Polnische Jugendwerk« (DPJW/Polsko-Niemiecka Współpraca Młodzieży – PNWM) in Bonn unterzeichnet. Zwei weitere Daten sind wichtig: der 1. Juli 1992, der formelle Beginn des Aufbaustabes des DPJW, und der eigentliche Geburtstag des DPJW, der 1. Januar 1993. Mit diesem Tag übernahm das DPJW die Verantwortung für den deutsch-polnischen Jugendaustausch von beiden Regierungen sowie teilweise für den Schüleraustausch (hier wollten die Bundesländer die Verantwortung für die deutschen Schulen behalten).

Was war für Sie persönlich das wichtigste Erlebnis als Geschäftsführer des DPJW?

Das eine wichtigste Erlebnis gab es nicht, sondern gerade in der Aufbauphase eine Fülle von eindrücklichen Entwicklungen.

Ringen um Finanzierung, Statuten und Förderrichtlinien

Das Abkommen sieht vor, dass beide Seiten »zu gleichen Teilen« in den Haushalt des DPJW einzahlen. Die deutsche Seite verstand »zu gleichen Teilen« so, dass die polnische Seite den Gegenwert zum deutschen Beitrag in DM in Zloty aufbringen sollte. Die polnische Seite verwies – aus meiner Sicht zu Recht – auf die unterschiedliche Kaufkraft der beiden Währungen in beiden Ländern, das Verhältnis betrug zwischen Deutschland und Polen etwa 1:4. Gemessen an der realen Kaufkraft beider Länder, hätte also Polen viermal so viel aufbringen müssen, um dieses »zu gleichen Teilen« zu erreichen. Polen hatte als junge Demokratie eine Vielzahl von Altlasten zu tragen und neue Aufgaben zu stemmen (Transformation in die Marktwirtschaft, Strukturwandel, NATO-Beitritt u. a. m.). Polen sah sich von der deutschen Position überfordert, zumal es keinen »großen Bruder« zur Seite hatte, so wie die ehemalige DDR. Schließlich vereinbarten die Finanzminister, dass die Maßgabe »zu gleichen Teilen« für eine Übergangszeit nicht im deutschen Sinne zur Anwendung kam, sondern es wurde ein Verhältnis von etwa 1:1,8 ausgemacht. Festzuhalten ist aus meiner Sicht jedoch, dass damit Polen real mehr für das DPJW einbrachte als die deutsche Seite.

Sehr schwierige Themen waren in den Verhandlungen der Aufbauphase die Förderung des DPJW für Gedenkstättenfahrten sowie für die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau. Es gab bedenkenswerte Einwände Einzelner auf der polnischen Seite gegen die Finanzierung von Gedenkstättenfahrten mit polnischen Mitteln. Konzentrations- und Vernichtungslager, in denen allein drei Millionen polnischer Juden ermordet worden waren, lagen in deutscher Verantwortung; schlimm genug, dass sie auf polnischem Territorium errichtet worden waren. Diese Gedenkstätten standen für den Terror der Deutschen. An einer Aufarbeitung des nationalsozialistischen Systems, an dem es von keiner Seite Zweifel gab, sollten also allein diejenigen beteiligt werden und die finanziellen Lasten tragen, die in der Verantwortung standen – das heißt die deutsche Seite. Wiederum andere Persönlichkeiten und Organisationen aus Polen verwiesen auf die besonderen Möglichkeiten für Jugendliche aus beiden Ländern, wenn man die Leitidee des DPJW »Verständigung und Versöhnung« erfüllen wollte.

Es ist der polnischen Seite hoch anzurechnen, dass schließlich deutsch-polnische sowie trilaterale Gedenkstättenfahrten in den Förderkatalog des DPJW aufgenommen wurden. Das war keinesfalls selbstverständlich.

Auch in der Einbeziehung der Jugendbegegnungsstätte Kreisau haben Persönlichkeiten Polens entscheidend dazu beigetragen, dass Kreisau durch das DPJW gefördert werden konnte. Ein Teil der polnischen Seite sah Kreisau nämlich als deutschen Erinnerungsort auf jetzt polnischem Boden. »Wenn Helmut Kohl Kreisau will, dann soll er es auch bezahlen« war die saloppe Zusammenfassung, die ich hören konnte. Es waren dann gerade polnische Persönlichkeiten wie Dr. Ewa Unger oder Michał Czapliński die auf die europäische und humane Bedeutung von Kreisau verwiesen und so die Zustimmung der polnischen Seite für die Förderung von Kreisau durch das DPJW erreichten.

Aufbau der Zentralstellen in Polen

Bei der Entwicklung der Statuten und Förderrichtlinien prallten zwei sehr unterschiedliche Denkweisen und Erfahrungen aufeinander: Zentralismus und Föderalismus. Noch unter den postkommunistischen Regierungen in Polen wurden z. B. Jugendbegegnungen von der Zentralregierung gefördert. Förderungen wurden oft erst nach der Maßnahme ausgezahlt, was bedeutete, dass die Träger des Jugendaustausches in Polen vorfinanzieren mussten. In Deutschland hingegen war der Föderalismus gelebte Wirklichkeit und zusätzlich hatten die großen Jugendorganisationen, Kirchen, Gewerkschaften, Sport und Kultur und die Jugendverbände der Parteien sog. Zentralstellen eingerichtet, die jeweils eine Gesamtfördersumme bewilligt bekamen und dann nach den jeweils gültigen Richtlinien autonom über die reale Förderung ihrer Maßnahmen entschieden. Dieses System hatte zwei Vorteile: Erstens die Autonomie der Antragsteller und zweitens eine gesicherte Finanzperspektive, selbst dann, wenn das Antragsvolumen unter den Fördermöglichkeiten blieb. So war es zum Jahresbeginn sicher, mit welchen Mitteln die Jugendorganisationen rechnen konnten.

Dieses System war in Polen unbekannt. Aber die polnischen Jugendorganisationen erkannten sofort die Vorteile. Es war nun dem DPJW wichtig, auch in Polen den Aufbau von Zentralstellen zu fördern. Dazu übernahmen viele deutsche Zentralstellen Partnerschaften mit gleichen oder ähnlichen polnischen Jugendorganisationen. Dies war nicht immer spannungsfrei. So forderte Kardinal Józef Glemp in einem Gespräch mit Dariusz Węglicki und mir als DPJW-Geschäftsführern die Beendigung der Einzelförderung katholischer Zentralstellen (z. B. Orden) und stattdessen die Übertragung aller Finanzmittel an den Episkopat, was wir ablehnten.

Nicht immer konnten polnische Organisationen als Zentralstelle mehrere Einzelmitglieder vertreten. Auch hierfür zeigte das DPJW nicht nur Verständnis, sondern fand Lösungen. Einzelträger in Polen, die jedoch vom Umfang ihrer Austauschmaßnahmen das Volumen deutscher Zentralstellen erreichten, wurden vom DPJW den Zentralstellen gleichgestellt.

Der Vorteil des Zentralstellen-Systems für das DPJW lag natürlich in einem geringeren eigenen Verwaltungsaufwand, weil die Zentralstellen treuhänderisch für das DPJW agierten. Deshalb erhielten die Zentralstellen einen geringen Prozentsatz der Jahreszuwendung als Zuschuss zu ihren Verwaltungskosten. Im Aufbau der polnischen Zentralstellen verzichteten die deutschen Zentralstellen in einer gemeinsamen Initiative auf ihren Zuschuss und baten, dass diese Mittel zusätzlich den polnischen Zentralstellen ausgezahlt werden, um deren Aufbauleistung zu unterstützten. Das DPJW handelte entsprechend. Die Mitglieder der Zentralstellen beider Länder im Jugendrat waren eben »eine Bank«. Bei meinem Abschied auf der letzten von mir geleiteten Zentralstellenkonferenz 1997 erinnerten gerade die polnischen Zentralstellen an das große Vertrauen, das wir in sie gesetzt hatten, so etwas hätten sie vorher nie erlebt.

Versuch der »Renationalisierung« des DPJW unter der SLD-Regierung

Das DPJW hat immer schwierige und sehr schwierige Phasen durchlaufen. Zu den existenzgefährdenden Momenten gehörte jedoch der Versuch der SLD-Regierung (Sojusz Lewicy Demokratycznej/Demokratische Linksallianz) zur »Renationalisierung« des DPJW. Die polnische Regierung (in ganz überwiegender Mehrheit nicht die polnischen Partner des Jugend- und Schulaustausches!!) verlangte die Aufhebung der Integration und der übergreifenden Zuständigkeit des DPJW. Die Geschäftstelle in Warschau sollte allein für die polnische Seite verantwortlich sein und die in Potsdam für Deutschland. Jede Seite sollte ihren Teil dieses »Rumpf-DPJW« national finanzieren. Zwischen den Geschäftsstellen sollte ein Erfahrungsaustausch organisiert werden.

Zusätzlich zu diesen massiven Angriffen auf die Grundidee des DPJW wurde dann der Versuch unternommen, die Geschäftsführung zu entlassen. Mehr noch als ich, wurde dabei Dariusz Węglicki »ins Visier genommen«. Keiner der vorgebrachten Vorwürfe konnte im weiteren Fortgang seitens der polnischen Regierung belegt werden. Zuerst Angela Merkel als damalige Jugendministerin und dann in ihrer Nachfolge Claudia Nolte machten unmissverständlich klar, dass die deutsche Seite »kein Jota« von dem Abkommen des DPJW abrücken wollte. Die Entlassung der Geschäftsführung, ohne substantielle Verfehlungen beweiskräftig vorzulegen, kam nicht in Frage. In dieser Zeit wuchs die gemeinsame Geschäftsführung stärker zusammen, weil uns ein gemeinsames Schicksal verband. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in beiden Büros standen zudem fest zu ihrer Geschäftsführung. Ganz wesentlich war bei der Überwindung dieser Existenzkrise des DPJW auch, wie stark die polnischen Austauschorganisationen sowie der Deutsch-Polnische Jugendrat in übergroßer Mehrheit den Erhalt des DPJW einforderten und dass wichtige Persönlichkeiten der polnischen Administration für das DPJW eintraten und auch auf die außenpolitischen Folgen für Polen im Falle einer »Renationalisierung« hinwiesen.

Mit dem Regierungswechsel zu Ministerpräsident Jerzy Buzek änderte sich die polnische Position schlagartig. Das DPJW war als binationale und eigenständige Organisation mit dem vollen Umfang seiner Verantwortlichkeit wieder willkommen.

Was war für Sie persönlich das schönste Erlebnis im Zusammenhang mit einem Jugendaustausch?

Die Kraft, welche das DPJW beim Oderhochwasser 1997 entwickelte. In den Überschwemmungsgebieten, vor allem in Polen, lebten Kinder und Jugendliche, die ihr Zuhause verloren oder wo die Wassermassen größte Schäden angerichtet hatten. Mal wenigstens für einige Zeit »raus aus dem Chaos«, war die Devise. Träger des Jugendaustausches auf beiden Seiten leiteten ihre Mittel um oder verzichteten zu Gunsten der Hochwassergeschädigten auf eine Zuwendung. Förderrichtlinien wurden mit Einverständnis des Jugendrates quasi außer Kraft gesetzt. Richtlinien wurden »gedehnt«, damit das »Raus aus dem Chaos« realisiert werden konnte.

Diese Orientierung des DPJW auf Notsituationen, diese Kreativität, dieses Handeln nach Notwendigkeiten im »Hier und Jetzt«, diese Berücksichtigung der realen Lage der Jugendlichen hat sich das DPJW über die 30 Jahre erhalten. Es ist eine großartige Stärke des DPJW.

Was hat Sie in der bilateralen Arbeit am meisten erstaunt, nachdenklich gemacht?

Das waren die Vorurteile vieler Deutscher gegenüber den polnischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DPJW. Sie brauchten natürlich in Potsdam oder Umgebung eine eigene Wohnung, hatten sie doch einen Arbeitsvertrag über fünf Jahre mit dem DPJW abgeschlossen. Es war zu spüren, wie tief die Vorurteile saßen. Vermieter machten vom Mietangebot einen Rückzug, wenn sie »Ausländer« oder »Pole« hörten. Da half es auch nicht, wenn ich darauf hinwies, dass das DPJW eine internationale Organisation und die Mietzahlung absolut gesichert sei. Auf dem freien Wohnungsmarkt war keine bezahlbare Wohnung zu bekommen. Erst als Staatssekretär Willi Hausmann bei der Bundesvermögensanstalt intervenierte, war man bereit, Wohnungen anzubieten. Jedoch (1993) ausschließlich für fünf Jahre, »weil dann die Bundeswohnungen für die Beamten aus Bonn gebraucht« würden. Es kamen nie die »Beamtenströme« aus Bonn …

Dieses im Grunde schlimme Kapitel zeigte mir 1992/93, wie sehr die Ideen und die Arbeit des Jugendwerkes eigentlich für die ältere Generation notwendig gewesen wären.

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Analyse

Begegnungen der Menschen fördern: der deutsch-polnische Jugendaustausch

Von Lothar Harles
Vor genau 30 Jahren wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag geschlossen. Er wurde zum Fun-dament für eine beispiellose politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Annäherung. Auch das zivil-gesellschaftliche Engagement sollte gefördert werden durch Zusammenarbeit und Austausch, was bisher in einem geteilten Europa nicht wirklich möglich war. Als eine der wichtigsten Aufgaben definiert der Vertrag den deutsch-polnischen Jugendaustausch und beschloss die Gründung des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW/Polsko-Niemiecka Współpraca Młodzieży – PNWM). Der Beitrag beschreibt die mitunter schwierige Auf bauphase des Jugendwerks, die unterschiedlichen Ausgangslagen und Ansätze in beiden Ländern. (…)
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